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Der Erinnerungsarbeiter

Sally Perel reist seit Jahren als Zeitzeuge durch Deutschland und erzählt Jugendlichen, wie er als Jude mit zwei Identitäten den Holocaust überlebte. Der 93-Jährige spricht 
im inside-Interview darüber, 
warum er nicht nachlässt, seine Überlebensgeschichte als „Hitlerjunge Salomon“ zu erzählen. 
Kurz zuvor nahm er an einer Feier im Braunschweiger Stadtteil Volkmarode teil.

Der Zeitzeuge erzählt – seit mehr 
als 20 Jahren ist Sally Perel ein 
Vielreisender in Sachen Erinnerung und berichtet Schülern und Auszu­bildenden in Deutschland aus seinem bewegten Leben.

Was bedeutet es für Sie, dass die IGS 
in Braunschweig-Volkmarode künftig Ihren Namen tragen wird?
Das ist etwas ganz Besonderes für mich. Der Sally-Perel-Preis für Respekt und Toleranz ist für mich die Krönung aller meiner Bemühungen. Diese Krone  be­kommt mit der Namensverleihung der IGS Volksmarode den höchsten Glanz.

Beim Familienfest zum 80. Geburtstag des Werkes in Braunschweig wurden zum vierten Mal Jugendliche und junge Erwachsene mit dem Sally-Perel-Preis geehrt. Was denken Sie über diesen Preis?
Der Preis ist eine ganz besondere Ehre für mich, zumal er in einem Werk vergeben wird, wo ich mich als Hitlerjunge und Lehrling unter dem falschen Namen Josef Perjell versteckte. Jetzt wird da ein Preis unter meinem echten Namen verliehen – das ist für mich ein großes Erlebnis.

Sie kennen in Wolfsburg die „Erinnerungsstätte an die Zwangsarbeit“ in den ehemaligen Luftschutzbunkern und pflegen enge Kontakte zum Volkswagen Konzern­archiv. Was zeichnet die betriebliche Erinnerungskultur bei Volkswagen aus?
Mit der „Erinnerungsstätte an die Zwangsarbeit“ in den ehemaligen Luftschutzbunkern hat Volkswagen eine Wende vollzogen, die ich sehr schätze. Ebenso die die Einladungen von ehema­ligen Zwangsarbeitern nach Wolfsburg. 
Man muss die Erinnerung an diese dunklen Zeiten wachhalten und an  
die junge Generation weitergeben.

Zwischen Sally und „Jupp“ ­– die Ausstellung

Die Ausstellung „6xSally – Perspektiven 
und Identitäten. Ein synoptisches Porträt von ‚Hitlerjunge Salomon‘“ ist noch bis zum 9. November zu sehen. In Videogesprächen erzählt Sally Perel mal in Deutsch, mal in Hebräisch, mal in Polnisch seine Überlebensgeschichte und wechselt hin und her zwischen seiner Identität als Sally und als „Jupp“.

Ort: Konzernarchiv, Südstraße, Werk Wolfsburg, Eingang 2, 1. Obergeschoss

Zeit: montags bis freitags 
von 9.30 Uhr bis 17 Uhr

Um Voranmeldung unter Telefon 
+49 5361 925 667 oder per E-Mail an history@volkswagen.de wird gebeten.

Erkennen Sie einen Trend zu mehr Offenheit und Aufrichtigkeit bei Volkswagen gerade im Umgang mit schwieriger Vergangenheit?
Ja, viele Unternehmen in Deutschland haben das Thema Zwangsarbeit lange verschwiegen und verdrängt. Volkswagen war das erste Unternehmen, das sich mit diesem dunklen Kapitel seiner Geschichte 
beschäftigt hat und die Erinnerung daran bis heute pflegt.

»Ich wollte unbedingt meine Geschichte aufschreiben, auch um die junge Generation widerstandsfähiger zu machen.«

Sie sind 1985 in den Ruhestand gegangen. Dann kam, wie Sie selbst einmal gesagt haben, durch die „ungewohnte Ruhe“ 
das Verdrängte aus der Dunkelkammer nach oben. Können Sie das erklären?
Wenn man jeden Morgen zur Arbeit 
geht und eine Familie hat, dann lässt 
der Alltag keine Zeit, daran zu denken. 
Die Vergangenheit hatte ich völlig 
verdrängt und 40 Jahre lang meine 
Geschichte nicht erzählt. Auch meine 
Familie wusste nichts. Mit meiner Herzoperation kam alles wieder hoch. Das war die Wende. Ich wollte dann unbedingt meine Geschichte aufschreiben, auch um die junge Generation widerstandsfähiger zu machen gegen den aufkeimenden Neo-Nazismus. Gut sieben Jahre später konnte dann mein Buch „Hitlerjunge Salomon“ in Deutsch erscheinen.

Von Sally und „Jupp“

Das (Über-)Leben des Salomon Perel.

Sally Perel wird am 21. April 1925 als jüngstes Kind einer jüdischen Familie in Peine, gut 60 Kilometer südwestlich von Wolfsburg, geboren. Als Sally zehn Jahre alt ist, zieht die sechsköpfige Familie ins polnische Łódź, um den antisemitischen Verfolgungen zu entgehen. Nach Kriegsbeginn 1939 geht die Flucht weiter. Perel findet in einem Waisenhaus in Grodno in Weißrussland Zuflucht. Beim Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion wird er von Wehrmachtsoldaten aufgegriffen. Seine Papiere hat er geistesgegenwärtig vorher vergraben. Er gibt sich eine 
falsche Identität als „Volksdeutscher“ und entgeht dadurch dem sicheren Tod: 
Aus Sally Perel wird Josef „Jupp“ Perjell. 
Als Dolmetscher zieht er mit den Soldaten bis nach Estland. 

Der kaum 18 Jahre alte Jugendliche kommt im Sommer 1943 ins Vorwerk der Volkswagenwerk GmbH in Braunschweig und beginnt eine Lehre als Werkzeugmacher. Die Lehrlingsausbildung galt damals als Eliteausbildung und „Jupp“ ist dort auch Mitglied der Hitler-Jugend. Die jungen Männer wohnen in Wohnheimen auf dem Werksgelände. „Jupp“ wird am 22. April 1945, einen Tag nach seinem 20. Geburtstag, in Braunschweig von den Amerikanern befreit. Aus „Jupp“ wird langsam wieder Sally.

In Israel baut Perel sich – wie seine beiden Brüder, die im Gegensatz zu den Eltern und der Schwester den Holocaust ebenfalls überlebt hatten – eine neue Existenz auf. 1959 heiratet er und hat mit seiner Frau Dvora zwei Söhne. 
Erst nach Jahrzehnten erzählt er seiner Familie von seinem Überleben „in der Haut des Feindes“. 1992 erscheint sein Buch „Ich war Hitlerjunge Salomon“ in deutscher Sprache. Seither reist er als Zeitzeuge durch deutsche Schulen und hält Lesungen vor Jugendlichen.

Dann begannen auch die Lesereisen als Zeitzeuge durch Schulen in Deutschland: Wie kam es dazu?
Als ich in Berlin mein Buch in einer Buchhandlung vorstellte, kam die erste Einladung zu einer Lesereise. Dann setzte ein Schneeball-Effekt ein und eine Veranstaltung folgte auf die nächste. Für mich sind diese Reisen so etwas wie eine Selbsttherapie. Meine Geschichte mit all ihren Widersprüchlichkeiten lag mir lange wie ein Stein im Magen. Ich bin durch die Veröffentlichung und die Lesereisen diese schlimme Geschichte losgeworden. Das ist für mein Leben eine kolossale Erleichterung.

Was verbinden Sie mit diesen 
Lesereisen?
In diesen Reisen sehe ich den Sinn 
meines Überlebens. Gerade durch 
dieses Doppelleben als verfolgter Jude und Hitlerjunge ist es auch meine Pflicht, darüber zu berichten und mit einer Botschaft zu verbinden. Das ist 
für mich der Ansporn, mich auch noch mit 93 Jahren auf den Weg zu machen.

Welche Botschaft meinen Sie?
Ich will Zeugnis ablegen von dem, was ich erlebt habe, und will die Jugend 
damit ermuntern, kritisch zu denken, nicht wegzuschauen und mündig an 
der Gestaltung der Welt teilzunehmen

Welche Erinnerungen verbinden Sie 
mit dem Werk in Braunschweig?
Wenn ich heute durch das Werktor 
komme, fühle ich Angst. Denn da 
war damals der Werkschutz und ich dachte immer, jetzt fliege ich als Jude auf und sie verhaften mich. Das steckt tief in mir. Heute komme ich gerne 
als Gast und werde ungeheuer herzlich empfangen.

Sie haben den Zweiten Weltkrieg als Volksdeutscher Josef Perjell überlebt 
und sind im Vorwerk in Braunschweig 
als 
jüdischer Junge Lehrling und Mitglied 
der Hitler-Jugend geworden. Wie heikel war Ihre Lage?
Damals war die Angst, entdeckt zu werden, immer da. Jede Minute, jede Sekunde. Mein Schicksal hing an einem seidenen Faden. Ich ahnte, in welcher Gefahr ich schwebte und musste in 
die Haut eines Hitlerjungen schlüpfen und diese Rolle so perfekt spielen, 
wie es ging.

Als der Krieg zu Ende war, sind  

Sie 
zurück nach Israel gegangen. 
Was blieb da zurück?
Kein Hass und keine Ressentiments, 
denn beides führt zu Irrwegen und 
Verbrechen. Ich will immer das Gute 
im Menschen finden und habe mich daher viel umum Aufklärung und Versöhnung bemüht. Aber Versöhnung geht nicht ohne Aufklärung und auch nicht ohne die Wahrheiten, die ich in meinem Buch aufgeschrieben habe.

„Die Arbeit mit Zeitzeugen und Überlebenden ist für uns sehr wichtig, denn die Erinnerung ist bei Volkswagen Teil 
der Unternehmenskultur.“

Dieter Landenberger, Leiter Heritage Volkswagen

Sally Perel (Mitte) mit Schülern der Otto-Bennemann-Schule in Braunschweig, die den diesjährigen Sally-Perel-Preis gewonnen haben.

Sally-Perel-Preis – fünf 
Standorte kommen 2019 dazu

Seit 2014 ehrt das Werk Braunschweig Jugendliche und junge Erwachsene mit dem 
Sally-Perel-Preis – jetzt folgen andere Werke dem Braunschweiger Vorbild. Die Stand­-
orte Wolfsburg, Salzgitter, Kassel, Emden und Hannover werden 2019 ebenfalls den 
Sally-Perel-Preis vergeben. Die Leiter der Akademien für Aus- und Weiterbildung an den fünf Standorten sind mit der Umsetzung beauftragt und bereiten zusammenen mit der Jugendvertretung die Verleihung des Sally-Perel-Preises vor. Der Preis ist mit 3.000 Euro dotiert und  fördert Jugendliche und junge Erwachsenen, die sich für Respekt und Toleranz engagieren. Mehr dazu unter: http://www.volkswagenag.com/de/group/history.html

Auszug aus

„Sally Perel: Die Angst vor der Entdeckung  war mein ständiger Begleiter“

„Mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 21. Juni 1941 
flohen alle jüdischen Kinder gemeinsam mit ihren Erziehern 
aus dem Waisenhaus weiter Richtung Osten. (…) Plötzlich war 
ich in der Umgebung von Minsk ganz allein. Da waren zwar 
andere Menschen, doch kein Bekannter. Es war ein Albtraum. 
Ich befand mich inmitten von Toten, Kampf und Zerstörung. 
Ich war doch erst 16. Ganz plötzlich war es still. Der Rauch verzog sich und es standen Deutsche vor uns. Wir alle mussten nun in Reihen vor die Deutschen hintreten.

Menschen wurden ausgesondert und irgendwie verbreitete sich das Wissen, Juden würden sofort im Wald erschossen. (…) Als ich an der Reihe 
war, wusste ich, wenn ich die Wahrheit sagte, wäre ich tot. 
Also sagte ich, ich wäre kein Jude, sondern Volksdeutscher. 
Ich wusste, wenn es nicht funktionierte, würde ich erschossen. Doch der Soldat glaubte mir. Alle anderen mussten die Hosen herunterlassen, damit man sehen konnte, ob sie beschnitten 
waren. Mir hat er jedoch ungesehen geglaubt. Warum mir und nicht den anderen?“

„Was auf dem Feld bei Minsk geschah (...): Salomon Perel 
versteckte sich und der Volksdeutsche Josef ‚Jupp‘ Perjell aus Grdono wurde geboren. Ich wurde von der Wehrmacht aufgenommen und in eine Uniform gesteckt. Als Teil der 12. Panzer­division war ich nun für die Deutschen als Dolmetscher tätig. 
Ich, der Jude, musste den Deutschen helfen, um zu überleben. Dabei war ich vor ihnen geflohen, seit ich zehn Jahre alt war. 
Die Angst vor der Entdeckung sollte mich nun ständig begleiten.“