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»Ohne ein starkes Selbstwertgefühl geht es nicht«

inside-Interview mit Bruno Labbadia, seit neun Monaten Trainer des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg.

Bruno Labbadia auf dem Platz hinter der Volkswagen Arena. Seit neun Monaten trainiert der gebürtige Darmstädter den VfL Wolfsburg. Im Mai rettete er ihn in der Relegation gegen Kiel vor dem Abstieg.

Nach einem Drittel der Saison belegt der VfL den zwölften Tabellenplatz. Wohin führt der Weg, Herr Labbadia?
Wir drehen an vielen Stellschrauben und sind auf einem guten Weg, Stabilität in Mannschaft und Verein zu bekommen nach zwei Jahren, in denen der VfL nur über die Relegation in der Bundesliga geblieben ist. Das darf man nicht vergessen und den Klub nicht daran messen, wo er noch vor drei, vier Jahren stand, als er Vizemeister und Pokalsieger wurde. Leider geht es uns in dieser Saison manchmal noch ab, aus unseren guten Leistungen ein gutes Ergebnis zu ziehen. Beim 0 : 1 gegen Dortmund etwa war das der Fall. Da waren wir trotz der Niederlage mit der Art und Weise zufrieden, wie die Mannschaft aufgetreten ist. Dennoch gibt es noch viele Punkte, die wir verbessern müssen, vor allem im Spiel nach vorn.
 

Wie lange wird es dauern, bis der Kader Ihren Vorstellungen entspricht?
Das kann mehrere Transferperioden dauern. Sehen Sie, hier in Wolfsburg hat es in den vergangenen beiden Jahren mehrere Umbruchphasen unter unterschiedlichen Verantwortlichen gegeben. Einige Verpflichtungen sind nicht so eingeschlagen wie erhofft. Trotzdem haben wir vor dieser Saison den Kader nicht radikal verändert. Das geht manchmal aufgrund laufender Verträge nicht. Es muss manchmal aber auch gar nicht sein, denn man muss Spielern auch Zeit geben, sich in neuer Umgebung einzugewöhnen oder nach einer Verletzung richtig fit zu werden.

»Es ist imposant, was die Mitarbeiter von Volkswagen leisten und was für hervorragende Autos sie bauen.«

Seit neun Monaten sind Sie Trainer des VfL. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?
Meine bisherige Zeit hier in Wolfsburg muss man teilen: Übernommen habe ich die Mannschaft im Februar mitten im Abstiegskampf. Jetzt bin ich schon einige Jahre im Geschäft, aber das war die bisher schwierigste Aufgabe in meiner Karriere. Wir mussten in die Köpfe bekommen, dass der Klassenerhalt keineswegs selbstverständlich ist, auch wenn man auf dem Papier einen guten Kader hat. Außerdem hatten wir viele verletzte Spieler – so extrem hatte ich das auch noch nie erlebt. Und der Druck war groß, nachdem die Erwartungen nach der Relegation im Vorjahr wieder nicht erfüllt worden waren. Über Spaß in dieser Zeit brauchen wir nicht zu reden. Es ging nur darum, das Ziel Klassenerhalt zu erreichen. Angesichts der vorhandenen Probleme werte ich ihn als riesigen Erfolg.
In dieser Saison ist die Mannschaft auf einem guten Weg. Vor vier Monaten noch war nicht daran zu denken, dass sie so dominant auftritt und nach den Bayern und Dortmund das Team mit dem meisten Ballbesitz ist.

Sie haben den Stress im Abstiegskampf angesprochen. Wie sind Sie als Trainer damit umgegangen?
Bei allem Misserfolg und Ärger darf man nie die Nerven verlieren und muss Ruhe bewahren. Und man muss der Mannschaft vorleben, dass man an sie und das gemeinsame Ziel glaubt. Das schaffe ich, indem ich komplett im Tunnel bin. Ich habe im Abstiegskampf zum Beispiel kaum andere Fußballspiele geguckt außer die des nächsten Gegners. Auch sonst habe ich mich komplett zurückgezogen, nur mit wenigen Menschen gesprochen, keine Zeitungen gelesen und ich bin auch nicht mehr ausgegangen, etwa in Restaurants. So habe ich es geschafft, mich voll auf die Aufgabe zu konzentrieren und dem Druck standzuhalten, den ich vor allem mir selbst gemacht habe. Ein Verein wie der VfL ist nach Volkswagen einer der wichtigsten Bestandteile Wolfsburgs. Das merkt man und das ist eine große Verantwortung.

Sie haben einst den despektierlichen Umgang mit Trainern kritisiert. Hat sich Ihre Einschätzung geändert?
Überhaupt nicht! Wenn man diesen Job macht, muss man ein sehr hohes Selbstwertgefühl haben. Sonst geht das nicht. Wenn es gut läuft, sind andere verantwortlich. Wenn es schlecht läuft, ist es der Trainer – das ist leider oft die Realität. Hinzu kommt: Wenn ein Spieler außer Form ist, wird zuerst gefragt: Haben der Trainer und der Verein alles dafür getan, dass er seine Leistung bringt? Es wird aber meist nicht hinterfragt, ob der Spieler alles dafür tut. Ich meine: Der Trainerjob ist in den vergangenen 15 Jahren weit schwieriger geworden. Dennoch ist er wahnsinnig spannend.

Wie viele Stunden arbeitet ein Bundesliga-Coach pro Woche?
Mit den Gedanken ist man nahezu rund um die Uhr beim Job. Anders geht es nicht, schließlich führt ein Trainer nicht nur die Mannschaft, sondern ist auch mitverantwortlich für das Team hinter dem Team mit Ärzten, Physiotherapeuten, Zeugwart, Betreuern und so weiter. Insgesamt sind das fast 60 Leute. Und jeder möchte größtmögliche Aufmerksamkeit. Ich gebe zu: Den Zeitaufwand habe ich am Anfang meiner Kariere unterschätzt und auch, wie viele Entscheidungen man pro Tag treffen muss – Entscheidungen, die gut überlegt sein müssen und einen rasch einholen können. In unseren Planungen denken wir oft langfristig, aber klar ist, dass man ohne kurzfristige Erfolge selten in Ruhe arbeiten und sich die Reputation eines Trainers komplett ändern kann. Denken Sie nur an englische Wochen mit drei Spielen: Innerhalb von acht Tagen kann man vom Messias zum Versager werden und umgekehrt – innerhalb von acht Tagen!

Worauf ist das zurückzuführen?
Auf die große Emotionalität des Fußballs und die Schnelllebigkeit unserer Branche. Mir hat ein Wirtschaftsboss mal gesagt: Der große Unterschied zwischen Ihnen und mir ist, dass sie jeden Samstag eine Bilanzpressekonferenz haben. Das trifft es, im Fußball wird eben jeden Samstag abgerechnet. Und auch das erhöht den Druck enorm.

Was wäre Ihr heutiger Job, wenn Sie nicht Trainer geworden wären?
Versicherungskaufmann habe ich zwar gelernt, als ich schon für Darmstadt in der zweiten Liga gespielt habe. Von 7.30 bis 15.30 Uhr habe ich meine Ausbildung gemacht und bin dann zum Training gefahren. Heute aber kann ich mir keinen anderen Beruf als den des Trainers vorstellen. Spieler ist der beste Beruf der Welt, Trainer der zweitbeste.  

Haben Sie als Kind italienischer Gastarbeiter bei Ihrem Amtsantritt gewusst, dass Wolfsburg eine der größten italienischen Städte außerhalb Italiens ist?
Das habe ich nicht gewusst, aber sehr schnell gemerkt. Beim Training zum Beispiel haben viele Italiener zugeguckt. Ich schaue mir gern die Fotos von Wolfsburg an, als die italienischen Gastarbeiter in der Stadt angekommen sind. Und ich jogge oft auch an dem Ort vorbei, an dem früher die Baracken standen, in denen die Gastarbeiter wohnten. Für sie war es sicher keine einfache Entscheidung, ihre Heimat zu verlassen und neu und ohne Sprachkenntnisse in einem fremden Land anzufangen. Ich habe riesigen Respekt davor, was diese Menschen geleistet haben, die in einer ähnlichen Situation waren wie meine Eltern Mitte der 50er-Jahre, als sie nach Hessen übersiedelten. 

Sie haben acht Geschwister. Wie hat Sie das Großfamilien-Leben geprägt?
In der Tat bin ich das neunte Kind, was sogar für damalige Verhältnisse außergewöhnlich war. Wir haben nicht in Saus und Braus gelebt, dennoch hatte ich eine wunderschöne Kindheit – allein schon, weil immer Spielkameraden da waren und wir bolzen gehen konnten. Als Jüngster gegen die Älteren zu spielen, hat mich früh gelehrt, was es heißt, sich durchzusetzen. Das war eine gute Schule.

 

Wann kommt das südländische Temperament noch in Ihnen durch?
Ich habe beide Mentalitäten in mir und fühle mich mehr als Deutscher denn als Italiener. Außerdem muss man als Trainer seine Emotionen manchmal verbergen. Generell aber sehe ich die Emotionalität als eine meiner Stärken und lebe sie auch aus.

Vor Kurzem haben Sie das Werk Wolfsburg besichtigt. Wie wichtig ist Ihnen die Verbindung zu Volkswagen?
Volkswagen gehört zu den größten und besten Arbeitgebern Deutschlands und prägt die gesamte Region. Da ist es für uns als VfL ganz wichtig, ein Gefühl für die Arbeit im Werk zu bekommen. Es ist imposant, was die Mitarbeiter leisten und was für hervorragende Autos sie mithilfe moderner Technik bauen. Die ganze Region kann stolz auf Volkswagen sein.

Bruno Labbadia (52)

ist seit Februar Trainer des VfL Wolfsburg. Vorher arbeitete er als Coach unter anderem für Leverkusen, Stuttgart und zweimal beim Hamburger SV. Als Stürmer schoss er mehr als 100 Tore sowohl in der ersten als auch in der zweiten Liga. Seine größten Erfolge: Mit Kaiserslautern wurde er Meister und Pokalsieger und mit den Bayern Meister. Bruno Labbadia ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Entweder ... oder

Pizza oder Currywurst?

Beides, aber nur, weil die Volkswagen Currywurst so gut schmeckt.

Spanien oder Schweden? 

Spanien, ich mag die Sonne.

Joggen oder Schwimmen? 

Ich jogge jeden Tag, dabei kann ich meine Gedanken ordnen und gleichzeitig was für meinen Körper tun. Schwimmen ist nichts für mich. Meine Frau sagt immer, ich sei ein Beckenrandschwimmer.