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Modelle und Technik

Berührt alle Sinne

Der blinde Fotograf Pete Eckert hat den Arteon auf ungewöhnliche Art und Weise in Szene gesetzt.

Der blinde Fotograf Pete Eckert ertastet zur Vorbereitung seiner Bilder die Silhouette des neuen Arteon.

Ganz langsam, fast andächtig fährt er die Linien entlang, erst mit der linken Hand, dann mit allen zehn Fingern zugleich, erst die Seitenflächen, dann das Cockpit, die Türen, die Felgen, die Front, das Dach, die Rückseite. Jeden Quadratzentimeter der Karosserie. Schließlich, nach rund einer Stunde intensiver Tast- und Fühlarbeit, hat Pete Eckert den ganzen Arteon in sich erfasst. Oder, wie er es selbst formuliert: „Der Arteon entsteht gerade vor meinem geistigen Auge.“

Für fünf Tage ist der US-Fotograf aus Sacramento (Kalifornien) nach Hamburg gekommen, um vorzuführen, wie es ist, was passiert und vor allem: wie es aussieht, wenn einer wie er sich ein Auto wie den Volkswagen Arteon vor seinem geistigen Auge ausmalt.

Ausmalen, das passt, denn der Kalifornier kreiert tatsächlich „Light Paintings“, also Lichtgemälde mithilfe von Klang, Berührung, Gedächtnis. Mit der künstlerischen Begabung des gelernten Bildhauers und den Mitteln moderner Fotografie. Und ganz ohne Augenlicht.

Eckert war Mitte 20, hatte die Kunsthochschulen in Boston und San Francisco besucht und bereitete gerade einen Architektur-Master in Yale vor, als er die Diagnose erhielt: Retinitis pigmentosa, eine unheilbare Netzhauterkrankung, die in wenigen Jahren zu vollständiger Erblindung führt. Pete verkaufte seine geliebte Moto Guzzi, studierte Betriebswirtschaftslehre und machte den schwarzen Gürtel in Taekwondo. Als er seinen MBA in der Tasche hatte, war er schon fast blind. Obwohl er noch lesen konnte, lehnten ihn alle Arbeitgeber ab. Bis er eines Tages die alte Kodak-Kamera seiner Schwiegermutter fand – der Beginn einer in jeder Hinsicht bemerkenswerten Künstlerkarriere.

» Der Arteon entsteht gerade vor meinem geistigen Auge. «

Pete Eckert

Ein „Light Painting“ von Pete Eckert mit dem neuen Volkswagen Arteon.

Eckert brachte sich das Fotografieren selbst bei, kaufte sich einen eigenen Computer sowie einen sprechenden Scanner, verschlang Fotobücher und entwickelte eine Bildsprache, wie es sie so wohl kein zweites Mal gibt. In seinen Werken kombiniert der Kalifornier klassische Außenaufnahmen mit komplexen Studioprozessen, bei denen er mit langen Verschlusszeiten, Mehrfachbelichtung sowie intensiver Farb- und Formgebung experimentiert. Seine Formen, Gestalten und Geometrien erinnern oft an menschliche Figuren, aber wie aus einer anderen Dimension. Es sind Figuren an der Schwelle zu einer scheinbar gravitationsfreien Fantasiewelt, einem kunstvollen Kosmos. Im Grunde betrachte er sich eher als Konzeptkünstler denn als Fotograf, sagt Pete Eckert.

Wenn Eckert im Studio fotografiert, ist es zunächst stockdunkel. Ganz langsam, fast andächtig nähert sich der Künstler seinem Objekt. Er pirscht sich sozusagen an, sondiert die Geräuschkulisse, macht erst mal eine ganze Serie Frontal- und Seitenaufnahmen des neuen Arteon. Das Licht, die Außenmotive (tags zuvor in Hamburgs City geschossen), die Farbgebung und die entfernt an flirrende Leuchtreklamen erinnernden Lichtlinien wählt er mit großer Akribie, läuft persönlich um das Fahrzeug herum und bewegt das Licht. „Der Arteon ist kurkumagelb, dazu könnte ein leuchtendes Violett einen reizvollen Kontrapunkt bilden“, sagt er. In dem Maße, in dem er während dieser Shootingtage die Lichtintensität erhöht, gewinnt das Foto vor seinem geistigen Auge an Kontur. „Ich bin ein visueller Mensch“, sagt er. „Ich kann nur nicht sehen.“

Das Ergebnis lässt keinen Betrachter unberührt – was weniger dem Wissen um Eckerts Werdegang geschuldet ist als vielmehr der unverwechselbaren Aura seiner Werke. Den Arteon inszeniert er mittels – von ihm selbst ausgeführter – Bewegungen, die das derzeit wohl formvollendetste Modell aus der Volkswagen Markenfamilie mal mit leuchtend rotem Feuerdunst, mal mit weißen Lichtkaskaden zu elektrisieren scheinen. Vom Objekt selbst zeigt er sich begeistert. „Der Arteon ist extrem gut konzipiert und durchdacht“, sagt Eckert. „Er ist sowohl klassisch schön als auch maskulin in seinem Touch. Und bis ins kleinste Detail perfekt austariert.“

In seinem Schöpfungsprozess übernimmt Eckert nahezu alle Arbeitsschritte selbst – von den Aufnahmen über die Filmentwicklung bis zu den fertigen Abzügen. Bis heute arbeitet er mit einer analogen Mamiya-Mittelformatkamera, die verfügt unter anderem über ertastbare Mechaniken und Markierungspunkte am Objektiv. Mit seinem langjährigen Assistenten Boris bespricht er den Bildaufbau, gibt Ausschnitte und lässt sich genau erklären, wie nahe das Ergebnis seiner inneren Vision kommt. „Boris und ich haben ein sehr enges Vertrauensverhältnis“, sagt Eckert. „Das Gespräch mit ihm ist so etwas wie der kontinuierliche Kontaktpunkt zur Welt der Sehenden, in der ich mich mitunter wie ein Tourist fühle. Ein Grenzgänger, ein Vermittler zwischen der Welt der Sehenden und der Welt der Blinden.“

» Der Arteon ist extrem gut konzipiert und durchdacht. Er ist sowohl klassisch schön als auch maskulin in seinem Touch. Und bis ins kleinste Detail perfekt austariert.«

Pete Eckert

Pete Eckert spricht stets mit maximaler Bedachtsamkeit. Ein schmächtiger, sehr unaufgeregter Mann von rund 60 Jahren, bescheiden, freundlich, die Ruhe selbst. Und doch mit höchster Konzentration bei der Arbeit. Eckerts Leben und Schaffen hat international für Furore gesorgt, er hat unter anderem für den Schmuckhersteller Swarovski fotografiert, zahlreiche Preise gewonnen und Vorträge gehalten. Eine ganze Folge der Krimiserie „NCIS“ basiert auf seinem Schaffen, eines seiner Motive wurde jüngst auf einer UN-Briefmarke verewigt. Beruflich gesehen könnte es kaum besser laufen, längst zählt er neben Evgen Bavcar, Bruce Hall und Sonia Soberats zu den prominentesten blinden Fotografen weltweit. Mit seiner Frau Amy ist er seit 31 Jahren verheiratet. Darf man sich Pete Eckert als glücklichen Fotokünstler vorstellen?

„Ich sehe mein Leben ausgesprochen positiv“, sagt er. „Und es freut mich wirklich sehr, dass meine Kunst in der Welt der Sehenden so starken Eindruck hinterlässt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass der Welt meiner Fotos etwas Seltsames, Schwereloses, leicht Ätherisches anhaftet. Die Schönheit in der Kunst ist für mich universell. Man braucht keine Augen, um sie zu erkennen.“