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Neuer Software-Chef: Das erste Interview

Seit März im Amt: So plant Vorstand Christian Senger (44) für das neue Ressort Digital Car & Services.

Christian Senger (44) ist seit Anfang dieses Monats der erste Software-Vorstand in der Geschichte der Marke Volkswagen. inside hat mit ihm gesprochen.

Warum braucht Volkswagen einen Software-Vorstand? Oder anders gefragt: Warum trennt man Hard- und Software?
Die digitale Komplexität in unseren Fahrzeugen steigt von Jahr zu Jahr. Unsere Fahrzeuge werden zu „Tablets on Wheels“. Das bedeutet, dass wir in Zukunft immer mehr digitale Funktionen und Dienste in unsere Fahrzeuge bringen werden. Wenn wir beispielsweise an vollkommen autonom fahrende Automobile denken, werden wir bis zu eine Milliarde Zeilen Code benötigen. Zum Vergleich: Heute hat ein Golf 50 bis 100 Millionen Zeilen Code.
Status quo ist, dass die Entwicklung von Software, Diensten und Services im Unternehmen über alle Marken und eine Vielzahl von Beteiligungen stark verteilt ist. So gibt es kaum Synergien. Die rasant wachsende Menge und Komplexität der Software erfordert es, konzernübergreifende Software-Lösungen und intelligente Mobilitätskonzepte schlagkräftig und zukunftsfest aufzustellen. Durch Bündelung auf eine Software-Lieferkette verbessern wir das digitale Gesamterlebnis für unsere Kunden und Nutzer. Schon jetzt ist klar: Das markenübergreifende neue Ressort Digital Car & Services ist außergewöhnlich in der gesamten Automobilindustrie. Gebündelte Kräfte von insbesondere Audi, Porsche und Volkswagen machen uns attraktiv für Experten und Talente in Digitalisierung und Software.

Was tun Sie in den ersten 100 Tagen?
Mein Team und ich arbeiten mit Hochdruck daran, die notwendigen Strukturen und Arbeitsmodelle für das neue Ressort zu entwickeln und aufzusetzen. Wir bauen die neue Organisation allerdings nicht von null auf, denn es gibt bereits eine Vielzahl von gut funktionierenden Einheiten im Unternehmen. In den ersten 100 Tagen gilt es vor allem, die Arbeitsfähigkeit von aktuell kritischen Projekten zu stabilisieren und durch die Reorganisation die Arbeitsfähigkeit nicht zu gefährden. Parallel arbeiten wir daran, eine neue gemeinsame Software-Organisation aufzubauen, unter der wir unsere fahrzeugnahen Software-Aktivitäten bündeln werden. Erforderliche Maßnahmen in der Bestandsorganisation müssen wir so gestalten, dass aktuelle Produktionsstarts nicht gefährdet werden. Das erfordert von allen Beteiligten ein hohes Maß an Disziplin und Veränderungsbereitschaft. Das wird eine große Herausforderung, aber ich bin mir sicher, dass wir diese als Team meistern und unser Unternehmen mit dem neuen Ressort gut aufstellen werden.

Sie sollen die Software-Aktivitäten im Konzern gestalten. Wie läuft künftig die Zusammenarbeit der Marken?
Insbesondere aus den Hauptmarken Audi, Porsche und Volkswagen stellen wir eine gemeinsame Software-Organisation auf. Dort entsteht eine gemeinsame Software-Plattform für alle Marken, die verbindlich eingesetzt wird. Diese Organisation wird an mehreren Standorten sein. So wird es gelingen, dass Kollegen an ihrem Heimatstandort für diesen gemeinsamen sogenannten Software-Stack arbeiten können.

Wird künftig alle Software im Software-Bereich gemacht?
Ziel ist es, immer mehr Hardware und Software voneinander zu trennen.
Wir werden künftig vor allem jene Software im Software-Ressort erzeugen, die für digitale Produkte in unseren Fahrzeugen und Mobilitätsdiensten eingesetzt wird. Hierzu gehört zum Beispiel auch die Software für Fahrzeug zu Fahrzeug-Kommunikation, Backend- sowie Cloudlösungen. Hardwarenahe Software wird weiterhin in den Technischen Entwicklungen entstehen.

Das ist Christian Senger

Christian Senger (44) ist seit Anfang März Mitglied des Volkswagen Markenvorstands für das Ressort Digital Car & Services. Der Diplom- Ingenieur Maschinenbau startete seine Laufbahn 1997 bei BMW in München. Dort bekleidete er unterschiedliche leitende Funktionen: als Chef des Energiemanagements und für Produktkonzepte BMW i. Im Jahr 2012 wechselte er zu Continental nach Regensburg, wo er die Leitung der Automotive Systems & Technology übernahm. Mit seinem Wechsel zur Marke ­Volkswagen 2016 wurde Senger Leiter der Baureihe e-Mobility. Er baute diesen Bereich auf und trieb die Elektro-Offensive der ­Marke entscheidend voran.

Wie steht Volkswagen im Wettbewerb mit Apple und Google?
Google und Apple sind im digitalen Business natürlich die ganz Großen. Momentan sind beide aber keine Experten auf unserem Gebiet, nämlich herausragende Fahrzeuge zu bauen. Unser Ziel ist es, das sogenannte „Betriebssystem Fahrzeug und Mobilität“ in Volkswagen Hand zu halten. Nur so können wir für unsere Kunden und Nutzer ein wertvoller Partner für individuelle Mobilität im und um das Fahrzeug herum bleiben.

An welchen Ergebnissen möchten Sie sich messen lassen?
Unsere Ziele sind klar:

  • eine neue marken- und regionenübergreifende Softwareorganisa­tion aufstellen,
  • die Eigenkompetenz und Eigenleistung deutlich erhöhen,
  • flexibler auf die Fahrzeug-Anforderungen reagieren,
  • ansprechende Software-Lösungen liefern und regelmäßig ausrollen,
  • die zeitnahen Anläufe stemmen,
  • den Unternehmenswert steigern.

Dies sind wichtige Messgrößen. Aber auch die Zufriedenheit meiner Mitarbeiter ist eine zentrale Messgröße. Wir haben mit unserem neuen Ressort die große Chance, nicht nur den Kunden und den Nutzer in den Mittelpunkt zu rücken, sondern auch unsere Mitarbeiter. Wir wollen ihnen ein großes Maß an Selbstverantwortung geben. Sie sollen selbst gestalten können, sich mit ihren Produkten und mit ihrer Arbeit identifizieren. Meine Mitarbeiter sollen einfach Spaß daran haben, etwas Außer-gewöhnliches zu schaffen, und gerne zur Arbeit kommen. Was wir vorhaben, ist entscheidend für unsere Zukunft. Lassen Sie es uns gemeinsam angehen! Ich freue mich darauf.

»Der Anteil der Software im Auto steigt rasant, stellt einen immer größeren Anteil an der gesamten Wertschöpfung dar und bestimmt damit maßgeblich die Leistung und Charakteristik unserer Fahrzeuge. Deshalb werden wir bei Volkswagen die Software-Entwicklung grundlegend stärken. Christian Senger wird dies in seiner neuen Funktion mit Nachdruck vorantreiben.«

Herbert Diess zum neuen Software-Ressort