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Das Mitarbeitermagazin
der Marke Volkswagen

Strategie

„Die Menschen müssen dem ­Neuen eine Chance geben“

Die personelle Transformation, also die Neuausrichtung der Beschäftigung, ist ein zentrales Thema im Zukunftspakt. Tätigkeiten verändern sich, einige fallen weg, neue entstehen. Daher werden viele Mitarbeiter qualifiziert. Wie das vorbereitet wird, darüber sprach inside mit Ralph Linde, Leiter der Group Academy.

Ralph Linde (54)

studierte Erwachsenenbildung und Sprechwissenschaften in Regensburg. 1990 begann er als Management­trainer bei Audi und wurde 2006 Geschäftsführer der Volkswagen Coaching. Seit 2013 leitet er die Volkswagen Group Academy, die Dachorganisation für Bildungs­aktivitäten im Konzern.

Herr Linde, immer wieder wird gesagt, die Mitarbeiter sollen offen sein für neue ­Aufgaben. Warum?
Die Digitalisierung in unserer Branche verändert die Arbeitswelt. Neue Technologien haben das auch schon früher getan, nur geschieht es heute schneller und in größerem Ausmaß. Die meisten Facharbeiter­berufe werden sich durch die Digitalisierung verändern, und auch die Arbeit im Büro wird davon betroffen sein. Das Wissen dafür werden wir, wie bisher auch, mit fachlicher Weiterbildung aufbauen. Aber es wird auch Tätigkeiten geben, die weg­fallen. Im Zukunftspakt ist vereinbart, dass Mitarbeiter, die solche Tätigkeiten aus­üben, für neue Aufgaben in Zukunfts­bereichen qualifiziert werden. Das ist ­gemeint, wenn wir von personeller ­Transformation sprechen. Und für diese neuen Aufgaben braucht es Offenheit und Lernbereitschaft.

Wie identifizieren Sie diese Tätigkeiten und Veränderungen?   
Zurzeit führen wir sogenannte Kompetenzradarworkshops durch. In denen analysieren wir zusammen mit den Fachbereichen und Berufsfamilien-Akademien, welche Technologien in den Fachbereichen wann eingeführt werden und was sich dadurch mittel- und langfristig ändert. Wir erfassen für das Unternehmen, welche Tätigkeiten durch die Digitalisierung wegfallen und welche neuen Fähigkeiten wir in den unter­schiedlichen Bereichen brauchen.

Angenommen, ich weiß oder ahne, dass mein Arbeitsplatz sich verändert. Für welche Aufgabe sollte ich mich qualifizieren lassen, um die Entwicklung mitzumachen?
Das kommt auf Ihren Arbeitsplatz und Ihre Vorkenntnisse an. Grundsätzlich ist es gut, im eigenen Bereich auf dem neuesten Wissensstand zu sein. Wir definieren zurzeit gemeinsam mit den Fachexperten, welche Kompetenzen Mitarbeiter künftig brauchen, die zum Beispiel auf den Ge­bieten Connectivity und e-Traktion tätig sind. Dazu werden wir Qualifizierungs­programme anbieten.

Gibt es schon Beispiele für die von Ihnen ­beschriebene Neuausrichtung der ­Beschäftigung?
Die Technische Entwicklung, der Vertrieb und die IT haben großen Bedarf an Mit­arbeitern mit Programmierkompetenz. Mit Hochdruck erstellen wir gemeinsam mit diesen Bereichen Anforderungsprofile für Zukunfts­arbeitsplätze und werden dafür Qualifizierungsangebote schaffen. Auch im Bereich e-Mobilität werden in der Technischen Entwicklung Kompetenzen benötigt. Deshalb haben wir eine Umschulung für Mitarbeiter zum Kfz-Mechatroniker mit dem Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik entwickelt. Und bereits seit Ende 2015 qualifizieren wir in Braunschweig Mit­arbeiter aus Bereichen wie der Kunststofftechnik oder dem Fußhebelwerk im Trainings- und Schulungszentrum Batterie für die Batteriefertigung, ein Zukunftsfeld des Standorts.

Interview in der Group Academy mit Ralph Linde. Dort entwickeln die Mitarbeiter zurzeit auch neue Lernformate.

» Wir werden ­die Menschen auf dem Weg der Veränderung ­begleiten. «

Trotzdem haben einige Menschen Angst vor Veränderungen.
Das ist verständlich, aber die Veränderungen kommen nicht über Nacht. Wir werden die Menschen auf dem Weg begleiten. Sie bekommen Zeit, sich mit dem Wandel zu verändern, allerdings nicht ewig. Sie müssen dem Neuen eine Chance geben — und die Chancen nutzen. Das heißt, offen für Veränderungen sein, und sich darauf freuen, etwas Neues zu lernen. Mit dieser Haltung kann jeder seinen Teil dazu beitragen, dass die Marke Volkswagen eine gute Zukunft hat.

Das Thema Weiterbildung und Qualifizierung hat durch die Digitalisierung und die ­Vereinbarungen im Zukunftspakt ein viel stärkeres Gewicht bekommen. Wie hat diese Entwicklung Ihre Arbeit und die Ihres Teams geändert?
Die Digitalisierung betrifft auch unsere Bildungsarbeit. Wir entwickeln zunehmend digitale Inhalte und Formate, beispielsweise Online-Seminare. Um neue Konzepte für das Lernen und Lehren umzusetzen, haben wir zudem in Wolfsburg ein Education Lab als Ideenschmiede gegründet. Wir erproben gerade, mit Virtual-Reality-Brillen von Wolfsburg aus Mitarbeiter in aller Welt im Bedienen von Robotern zu schulen. Und ich werde nicht müde zu betonen, dass die Digitalisierung nicht nur Auswirkungen auf die technischen Kompetenzen hat. Der erfolgreiche Umgang mit der Digitalisierung braucht auch soziale Kompetenzen. Er verändert unsere Art und Weise zusammenzuarbeiten, und damit müssen wir vor allem unsere Unternehmenskultur verändern. Deshalb haben wir viele Initiativen gestartet, um eine Kultur zu schaffen, die erfolgreiche digitalisierte Arbeit erst möglich macht.

Haben Sie ein Beispiel für die Digitalisierung der Bildung?
Bei unserem ersten Volkswagen Academy Video Award haben Auszubildende und dual Studierende selbst kurze Lehrfilme gedreht, die sehr gut gemacht waren und im YouTube-Stil unterhaltsam Wissen vermitteln. Die Jugendlichen halten in Filmen für die nachkommenden Kollegen fest, was sie gelernt haben – und das in ihrer Sprache. Durch den Perspektivwechsel – die Jugendlichen versetzen sich in die Rolle des ­Ausbilders – bleiben ihnen die Inhalte viel präsenter.

Englisch wird 2022 verpflichtend Konzernsprache. Wie wollen Sie sicherstellen, dass alle Mitarbeiter diese Sprache beherrschen?
Ziel ist, dass jeder das Englisch erlernt, das er oder sie für die Arbeit benötigt. Das betrifft vorrangig Führungskräfte und Manager sowie Mitarbeiter, die mit Kollegen aus anderen Ländern zu tun haben. Wir werden die Kolleginnen und Kollegen dafür mit mehr und intensiveren Englischkursen begleiten. Da testen wir zurzeit einige Konzepte. Zum Beispiel hatten wir in unserem Schulungszentrum in Rhode für die Zeit eines Intensiv-Englischkurses dort eine „kleine englische Welt“ aufgebaut. Alle Servicemitarbeiter des Hauses sprachen Englisch mit den Gästen. Außerdem arbeiten wir an neuen und mehr Online-Angeboten für Selbstlerner.

» Für erfolg­reiche Digita­lisierung braucht man ­auch soziale Kompe­tenzen. «

Verstehen Sie Mitarbeiter, die Sorge haben, sich in Besprechungen künftig aufgrund mangelnder Englisch-Kenntnisse nicht beteiligen zu können?  
Selbstverständlich!Ziel ist jedoch die Verständigung miteinander im Konzern zu Arbeitsthemen – und nicht, dass jeder Mitarbeiter Englisch auf akademischem Niveau spricht.  Und auch nach 2021 wird in den meisten Besprechungen weiter Deutsch gesprochen, wenn ausschließlich deutsche Teilnehmer dabei sind. Das Gleiche gilt auch für die anderen Länder und Standorte im Konzern: Die Landessprache wird nur verlassen, wenn jemand an der Besprechung teilnimmt, der diese Sprache nicht kann. Wichtig ist, dass alle Führungskräfte das Thema behutsam einführen und niemand im Unternehmen stigmatisiert wird, der wenig oder kaum Englisch kann. Wer Englisch für seine Arbeit benötigt, findet bei uns die passende Schulung.

Experten sagen schon seit Jahren, dass Arbeitnehmer lebenslang lernen müssen. Gilt diese Weisheit heute in der Auto-Industrie mit all ihren Veränderungen umso mehr?
Auf jeden Fall! Ein Umbruch in dieser Geschwindigkeit sowohl im technischen als auch im sozialen Bereich ist außergewöhnlich. Betrachten Sie nur die Halbwertzeit von Wissen: In manchen Bereichen ist sie im Vergleich zu früher extrem kurz. Deshalb müssen wir alle immer weiter lernen, und das hat sein Gutes: Lernen ist zum einen spannend und hält den Geist fit. Und zum anderen öffnen sich dadurch neue Türen, hinter denen viele Chancen warten.