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Netzer: »Deutschland ist der Top-Favorit!«

Der Volkswagen Fußball-Botschafter erklärt im Interview, warum er der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland die Titelverteidigung zutraut, warum er bei so einem großen Turnier nicht mit Überraschungen rechnet und was er sich vor dem
heimischen Fernseher von seiner Frau anhören muss.


Herr Netzer, bei der Marke Volkswagen arbeiten Mitarbeiter aus fast allen Nationen. Wer hat die besten Chancen, Mitte Juli den WM-Titel zu bejubeln?
Die deutschen Mitarbeiter dürfen hoffnungsfroh auf die WM blicken. Die kontinuierliche Arbeit von Bundestrainer Joachim Löw zahlt sich aus. Wir haben schon immer eine gute Mannschaft gehabt. Früher bestand diese aber nur aus 12, 13 guten Spielern. Da durfte es keine Verletzungen oder Sperren geben. Mittlerweile verfügen wir über zwei nahezu gleichwertige Mannschaften. Wir haben gute Ersatzspieler, die jederzeit einspringen können. Das ist bei einem so langen Turnier wie der WM ein großer Vorteil. Von daher zählt das deutsche Team für mich zu den Top-Favoriten.

Das werden unsere Kollegen im Rest der Welt sicher nicht gerne hören ...
(lacht) Na ja, eine Prognose eines sogenannten Experten, wie ich es bin, werden sie hoffentlich verkraften können.

Was ist denn mit Brasilien? Der Rekordweltmeister hat nach dem spektakulären WM-Aus 2014 – damals gab es ein 1:7 gegen Deutschland – eine überzeugende Qualifikation gespielt.
Die Halbfinal-Niederlage bei der Heim-WM hat das Land nicht losgelassen. Das hat sich in die Geschichte eingebrannt. Die Menschen erwarten eine Wiedergutmachung. Das halte ich auch durchaus für möglich.

Für viele unserer Mitarbeiter in Spanien steht hingegen fest, dass ihr Team den Titel gewinnen wird ...
Die Begeisterung in Spanien ist durchaus berechtigt. Der Weltmeister von 2010 gehört auch in diesem Jahr wieder zum Favoritenkreis.

Welcher Spieler hat das Zeug dazu, dem Turnier seinen Stempel aufzudrücken?
Das sind die üblichen Verdächtigen. Ich persönlich bewundere ja Lionel Messi, der seit einem Jahrzehnt an den Grenzen der Möglichkeiten spielt, teilweise sogar darüber. Aber: Er alleine kann es nicht richten. Messi hat zwar sehr, sehr gute Spieler an seiner Seite, aber die sind nicht aufeinander abgestimmt. Deshalb traue ich Argentinien den großen Wurf auch nicht zu.

37-mal trug Günter Netzer das Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. 
Die langen Haare waren sein Markenzeichen.

Welchem Team trauen Sie bei der WM denn eine Überraschung zu?
Wenn man ehrlich ist, gibt es bei großen Turnieren nur ganz selten irgendwelche Überraschungen. Eigentlich kann ich mich nur an die Europameisterschaft 2004 in Portugal erinnern, als Griechenland den Titel gewonnen hat. Das hätte damals kein Mensch, der irgendetwas mit Fußball zu tun hat, für möglich gehalten.

Aber einen Geheimfavoriten werden Sie doch haben?
Um ehrlich zu sein, kann ich mit dem Begriff Geheimfavorit nicht viel anfangen. Es gibt kein Team, dass bei so einem Turnier plötzlich wie Phönix aus der Asche auftaucht. Letztendlich geht es um Kontinuität. Und die ist bei keinem Team so groß wie bei den Deutschen. Gespannt bin ich auf Frankreich, die haben eine gute Mannschaft. Aber es bleibt abzuwarten, wie sich das Team bei so einem großen Turnier verhält. Das ist nämlich etwas ganz anderes, wenn man über Wochen zusammen ist, als wenn man sich nur für ein, zwei Qualifikations-
spiele trifft.

Eine Ansammlung von guten Spielern alleine reicht nicht, um Titel zu gewinnen. 
Was benötigt es, um Weltmeister zu werden?
Es braucht eine intakte Gemeinschaft. Die ist bei uns 1974 während des Turniers entstanden. Franz Beckenbauer hat während der Vorrunde, als es noch nicht so richtig lief, mal eine Brandrede gehalten und auf den Tisch gehauen – von da an waren wir eine andere Mannschaft. Und man muss ehrlich sagen, dass man im entscheidenden Moment auch ein bisschen Glück benötigt. Es gibt kein Team, dass bei so einem langen Turnier von Anfang bis Ende überragend spielt.

GÜNTER NETZER (73)

ist ein ehemaliger deutscher Fußball-Profi. Der begnadete Mittelfeldspieler trug zehn Jahre das Trikot von Borussia Mönchengladbach (1963 bis 1973), ehe er für drei Jahre zu Real Madrid wechselte. Anschließend ließ er seine Profi-Karriere bei Grasshopper Club Zürich ausklingen. Mit dem deutschen Nationalteam wurde er 1972 Europameister und 1974 Weltmeister. Nach seiner Spieler-Karriere war Netzer Manager, Medienunternehmer und TV-Experte.

Wie werden Sie die Weltmeisterschaft 
in Russland verfolgen?
Ganz entspannt zu Hause. Ich freue mich, dass ich dieses Jahr während des Turniers keinerlei Verpflichtungen als Zeitungskolumnist oder TV-Experte habe.

Sind Sie vor dem Fernseher richtiger Fan?
Ich bin ein eher ruhiger Betrachter. Wenn ich mit meiner Frau zusammen schaue, dann moniert sie immer, dass ich keinerlei Regung zeigen würde. „Wir sind doch nicht in der Oper“, bekomme
ich dann immer zu hören. Aber ich denke mir meine Sachen dann dabei. Bei den Spielen der deutschen Mannschaft bin ich dann schon etwas emotionaler. Aber ich vergesse dabei nie, die gezeigten Leistungen ehrlich und realistisch zu betrachten.

Bei der WM in Russland kommt erstmalig bei einem großen Turnier der Videobeweis zum Einsatz. Wie stehen Sie zu dieser Technologie?
Ich habe schon immer gesagt, dass ich dem Videobeweis skeptisch gegenüberstehe, auch wenn er möglicherweise zu mehr Gerechtigkeit führt. Aber es ist wichtig, dass die Emotionen erhalten bleiben. Unter der Woche muss über 
das Spiel geredet werden, im Zweifelsfall auch über den Schiedsrichter. Das hält die Begeisterung aufrecht. In der Bundesliga gab es den Videobeweis ja schon in dieser Saison. Ich muss ehrlich sagen: 100-prozentig überzeugt hat mich das nicht. Ich würde mir wünschen, dass der Zuschauer besser in die Entscheidung einbezogen wird.