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Digitalisierung

Das steckt in der neuen „Daten-Wolke“

Partnerschaft mit Amazon Web Services: Gerd Walker, Leiter Konzern Produktion, und IT-Chef Martin Hofmann über Vorteile der vollvernetzten Fabriken.

Volkswagen entwickelt gemeinsam mit Amazon Web Services (AWS) die sogenannte „Volkswagen Industrial Cloud“ – und startet so eine neue Ära für die weltweite digital vernetzte Produktion. Die Partnerschaft ist zunächst für fünf Jahre angelegt. IT-Chef Martin Hofmann und Gerd Walker, Leiter Konzern Produktion, beantworten die wichtigsten Fragen zur neuen Cloud.

Einfach erklärt: Was ist die Volkswagen Industrial Cloud?
Walker: Die Industrial Cloud führt Daten aller Maschinen, Anlagen und Systeme aus sämtlichen Fabriken zusammen. Dadurch können wir unsere Prozesse besser analysieren – und beschleunigen. Perspektivisch wollen wir auch die globale Lieferkette mit mehr als 30.000 Standorten und 1.500 Partnerunternehmen in die Cloud integrieren.

Der entscheidende Fortschritt liegt also im weltweiten Datenaustausch aller Werke?
Hofmann: Ja. Heute haben wir noch die Situation, dass sich die IT auf Fertigungsebene in den Werken teilweise unterscheidet – weil die meisten Standorte sehr unterschiedlich sind. Das macht es nicht gerade einfach, Daten zu vereinheitlichen und übergreifend zusammenzufassen. Mit der Volkswagen Industrial Cloud schaffen wir das: Wir führen die Daten aus allen Standorten zusammen. Künftig können wir alle Kennzahlen aus Produktion und Logistik, egal welcher Art, global auswerten und steuern. Wir schalten Industrie 4.0 live.

Ein konkretes Beispiel?
Walker: Wenn demnächst ein Lkw im Stau steht, ein Bauteil fehlerhaft ist oder eine Maschine ausfällt, wissen sofort alle Beteiligten Bescheid. Denn die Informationen sind direkt über die Cloud verfügbar. So lassen sich zum Beispiel Materialflüsse und mögliche Lieferengpässe noch besser managen. Die Volkswagen Industrial Cloud ermöglicht eine smarte Steuerung in Echtzeit – und zwar zeitgleich in Wolfsburg, Chattanooga und Shanghai.

Volkswagen spart also eine Menge Geld, um es in neue Projekte zu investieren?
Walker: Klar, Kostenersparnis ist ein willkommener Effekt. Unser Hauptziel ist aber, schneller, transparenter und sicherer zu werden.

Macht die neue Cloud Ihre Produktion auch weniger anfällig gegen digitale Angriffe?
Hofmann: Unsere IT-Sicherheit hat alles überall auf dem Radar, jeden Tag, jede Stunde. Mit der zusätzlichen Vernetzung, die die Industrial Cloud bringt, wissen wir zum Beispiel sofort Bescheid, wenn im IT-System eines Zulieferers eine unbekannte Software aufgespielt wird. Und dann können wir schnell bewerten, ob wir Alarm schlagen müssen. Zugleich werden alle Daten und Informationen, die wir in der Volkswagen Industrial Cloud speichern, nochmals durch uns selbst abgesichert. Das ist wie ein Bankschließfach: Wir allein verteilen die Schlüssel. Wer Einblicke in unsere Daten und Informationen erhält, entscheiden wir. Für die Architektur entsprechender Cybersecurity-Lösungen haben wir uns mit AWS geeinigt, unser Beteiligungsunternehmen DCSO (Deutsche Cybersecurity Organisation) in Berlin federführend einzusetzen.

Nach Microsoft starten Sie mit Amazon Web Services in kurzer Zeit bereits die zweite Kooperation mit einem US-Digitalgiganten. Wie unterscheidet sich die Industrial Cloud von der Automotive Cloud?
Hofmann: Mit der Automotive Cloud konzentriert sich Volkswagen auf die Schaffung eines automobilen Ökosystems. Es soll dann digitale Mehrwertdienste in den Autos unserer Kunden bereitstellen. Bei der Industrial Cloud geht es um Produktionsabläufe, um die Vernetzung der Maschinen, Anlagen und Systeme in den Fabriken sowie perspektivisch um die Integration der kompletten Lieferkette mit unseren Zulieferern.

Warum entwickeln Sie die Industrial Cloud nicht ebenfalls mit Microsoft?
Walker: Wir nutzen die individuellen Stärken beider Cloud-Provider. Mit Amazon Web Services gewinnen wir einen starken Partner. Er verfügt über große technologische Fähigkeiten und innovative Cloud-Technologien im Produktionsumfeld. Insbesondere in den Bereichen Logistik und Lieferkette zählen sie mit zur Spitze.

Was werden Volkswagen und Amazon Web Services jeweils beisteuern?
Hofmann: Wir entwickeln alles gemeinsam – die cloudbasierte Trägerarchitektur DPP ebenso wie die darauf aufbauenden Services. Beide Partner bringen ihre Stärken ein: Amazon Web Services die gerade beschriebenen und Volkswagen seine Expertise bei der Entwicklung von IT-Lösungen im produktionsnahen Umfeld. Aber wir bestimmen Aufbau und strategische Ausrichtung.

Wie sieht Ihr Zeitplan aus?
Walker: Die Partnerschaft ist zunächst für fünf Jahre angelegt. Wir starten mit Europa und binden schrittweise weitere Regionen ein. Die Trägerarchitektur wollen wir bis Jahresende in Betrieb nehmen. Ziel ist es, Unternehmen aus der gesamten Wertschöpfungskette zu integrieren. Es geht um die Schaffung eines stetig wachsenden weltweiten Ökosystems im Umfeld der Produktion und Logistik des Volkswagen Konzerns.

Wie wird denn diese zweite Cloud entwickelt? Und wo?
Walker: Konzernweit verfügen wir über jahrzehntelange Kompetenz beim Aufbau und Betrieb hochkomplexer Fertigungen. Wir haben deshalb erfahrene Teams aus Produktion, Logistik und IT mit großem Querschnittsverständnis für IT-Lösungen in der Fertigung. Grundsätzlich stärken wir unsere Digitalisierungsexpertise in der Produktion im Konzern und in den Marken. Dafür haben wir auch ein eigenes Produktions-IT Ressort etabliert, welches von Porsche geführt wird.
Hofmann: Wir werden einige Standorte der IT deutlich stärker auf Plattformentwicklung und Internet der Dinge ausrichten. In Berlin werden wir gemeinsam mit Amazon Web Services ein Zentrum aufbauen, das sich konsequent und ausschließlich mit der Industrial Cloud beschäftigt. In Dresden konzentrieren sich Spezialisten auf die Plattform- und Softwareentwicklung, speziell mit Fokus auf das Internet der Dinge. Im Wolfsburger Smart Production Lab entwickeln wir dazu Lösungen um Robotik oder Steuerungssysteme. Und im Münchner Data:Lab entwickeln unsere KI-Experten neuartige selbstlernende Systeme und Algorithmen zur Datenanalytik. Mittelfristig werden sich rund 220 Spezialisten schwerpunktmäßig mit der Industrial Cloud beschäftigen.

Sie sprechen davon, dass Sie die Cloud als industrielles Partnernetzwerk anlegen. Wer soll sich da beteiligen?
Walker: Wir legen unsere Industrial Cloud als offene Industrie-Plattform an, an der sich perspektivisch weitere Partner aus Industrie, Logistik und Handel beteiligen können. Das können große Zulieferer sein, Anlagen- und Maschinenbauer. Denkbar ist zudem, dass die Cloud-Plattform grundsätzlich für andere Automobilhersteller zugänglich sein wird. Sie alle werden von der Vernetzung und einem offenen Informationsaustausch profitieren.

»Künftig können wir alle Kennzahlen aus Produktion und Logistik, egal welcher Art, global auswerten und steuern. Wir schalten Industrie 4.0 live«

Martin Hofmann, IT-Chef

So werden die Daten aus allen Werken zusammengeführt

Vernetzung soll Möglichkeiten für mehr Effizienz und Flexibilität in der Fertigung bringen.

Ende des Jahres soll es so weit sein: Dann soll die Volkswagen Industrial Cloud in Betrieb genommen werden – und erste konkrete Services und Funktionen zur Verfügung stehen. Ziel ist: Die Volkswagen Industrial Cloud soll die Grundlage für die Digitalisierung von Produktion und Logistik bilden.

„Der Volkswagen Konzern mit seiner globalen Expertise in der Automobilfertigung und Amazon Web Services mit seinem Technologie-Knowhow ergänzen sich hervorragend. Mit unserer globalen Industrie-Plattform wollen wir ein wachsendes industrielles Ökosystem schaffen, von dessen Transparenz und Effizienz alle Beteiligten profitieren“, sagt Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender von Porsche und im Vorstand der Volkswagen AG für Produktion zuständig. „Die Industrial Cloud von Volkswagen wird die Produktion und Logistik des Unternehmens transformieren. Sie ist ein weiterer Beleg der Innovationsstärke und Technologieführerschaft von Volkswagen“, sagt Andy Jassy, CEO von Amazon Web Services.

Die IT auf der Fertigungsebene von Maschinen, Anlagen und Systemen – etwa für die Produktionsplanung und Lagerhaltung – soll über alle 122 Fertigungsstätten des Volkswagen Konzerns hinweg einheitlich gestaltet und verknüpft werden. In ihrer Zusammenarbeit setzen beide Unternehmen auf die Amazon-Technologien in den Bereichen Internet der Dinge (IoT), Maschinelles Lernen und Computing Services, die speziell für das Produktionsumfeld entwickelt und auf die Anforderungen der Automobilindustrie erweitert werden.

Als Architektur dient die neue Digital Production Platform (DPP) von Volkswagen, an die künftig alle Standorte im Konzern wie auch weitere Unternehmen andocken. Diese Plattform vereinheitlicht und vereinfacht den system- und werksübergreifenden Datenaustausch.

Volkswagen will mit seiner Cloud  neue Möglichkeiten erschließen, um die Effizienz und Flexibilität in der Fertigung weiter zu steigern. Die Zusammenführung der Daten aus allen Fabriken schafft neue Perspektiven für die Optimierung von Abläufen und Prozessen. Dazu zählen eine noch effizientere Steuerung des Materialflusses, die frühzeitige Erkennung und Korrektur von Lieferengpässen und Prozessstörungen sowie eine optimierte Fahrweise von Maschinen und Anlagen in jeder Fabrik. Darüber hinaus ist die Plattform eine Voraussetzung, um neue Technologien und Innovationen schnell und standortübergreifend bereitzustellen.

So kommen die Daten in die Cloud: Volkswagen vernetzt Produktion und Logistik.